Psychologische Auswirkung der Wortwahl in der Wissenschaft

Seit dem ich die Vorlesungen zur Analysis besuche, höre ich vom Mathe-Professor ständig wiederholtes Wort - der Beweis. Ich habe dieses Wort allein schon innerhalb von zwei Wochen, so oft gehört, dass ich angefangen habe mir Gedanken darüber zu machen, welche psychologische Auswirkung es eigentlich auf die Studenten hat, wenn es von so einer autoritären Person wie in diesem Fall, von einem Mathe-Professor ständig wiederholt wird. Während meine Hand alles von der Tafel abschrieb, überlegte ich mir, ob es nicht sinnvoller wäre, lieber zurückhaltendere Begrifflichkeiten in der Wissenschaft zu verwenden. Also zum Beispiel anstatt dem Beweis, lieber das Wort "Argument" benutzen. Denn ein Beweis erweckt den Eindruck der Absolutheit, es ist etwas; wozu man keine Motivation und keinen Mut hat in Frage zu stellen. Bei einem Argument dagegen, versuche ich sofort weitere Argumente oder gar als kritisch-denkende Person - Gegenargumente zu finden; denn das Wort an sich veranlasst mich dazu. Allein durch die psychologisch günstigere Wortwahl könnte man das Denken der Lernenden anregen und an dem von der Tafel Abgeschriebenen mehr zweifeln lassen. Es ist wichtig sich klar zu machen, dass es nicht nur entscheidend ist, was man dem Studenten vermittelt, sondern auch wie. Und davon hängt es ganz stark ab, ob der Student später "next Einstein" sein wird oder nicht.

Würde denn die Hölle keine große Angst mehr dem mittelalterlichen Volk bereiten, wenn die Kirche nicht ständig von der Wahrheit der Existenz der Hölle gesprochen hätte, sondern nur von einer bloßen Annahme? Wären die Menschen dann nicht skeptischer der Existenz der Hölle gegenüber? Gäbe es dann nicht mehr Atheisten und Menschen von solcher Sorte wie Martin Luther? Derartig stark wertenden Begrifflichkeiten, die uns auf einen bestimmten Denkweg zwingen, sollten nicht ein Teil der Wissenschaft sein; weder beim Forschen noch beim Lehren. Abschaffung der Begriffe, wie "Beweis", "Falsifikation", "Widerlegung" usw. aus dem wissenschaftlichen Wortschatz bzw. deren Ersetzung mit mehr zurückhaltenden Begriffen, würde die Wissenschat neutraler und toleranter gestalten; und somit der Fantasie und Skepsis der Wissenschaftsbegeisterten mehr Freiheit lassen.

Wissenschaft stellt genauso wie jede andere Gemeinschaft, bestimmte die Gemeinschaft kennzeichnenden Merkmale auf. Und diese Merkmale stellen Grenzen dar, die wir in unsere Gedanken übertragen und somit unsere Kreativität einschränken.

"Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können." - Karl Popper

Das ist ein bedeutendes Merkmal der Wissenschaft. Es ist eine Einschränkung in dem Sinne, dass wir unsere Forschung nur auf das sinnlich Beobachtbare reduzieren müssen. Entweder du nutzt eine Vorgabe, indem du deine Kreativität nur auf das Vorgegebene reduzierst, oder du verzichtest auf diese Einschränkung und bedienst dich deiner ganzen Fantasie. Was ist besser?! Ein Wissenschaftler wird durch dieses Merkmal verhindert über das Übersinnliche, über den Gott zu fantasieren. Aber - vielleicht ist er gar nicht so übersinnlich wie wir denken; vielleicht sollten wir einfach unserer Kreativität ein bisschen mehr Freiheit lassen...

"Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller seiner Überlegungen." - Max Planck

Mit diesem Satz hat Max Planck ein großes Problem aufgezeigt. Es geht mir nicht darum, dass man jeder wissenschaftlichen Theorie den gleichen Wahrheitsanspruch zuweisen sollte; das sollte auch nicht die Aufgabe der Wissenschaft, sondern die Aufgabe einzelner Subjekte sein. Es wäre nur vorteilhaft diese Merkmale der Wissenschaft nicht in die Köpfe der Menschen zu übertragen. Dem Wissenschaftsbegeisterten sollte nicht der Wunsch entzogen werden in seinen Gedanken den Gott zu revolutionieren. Es sollte ihm keine gedankliche Prioritätenliste aufgezwungen werden; in der steht, dass es besser wäre, sich lieber mit der aktuellsten Forschung in der Quantenmechanik zu beschäftigen, als mit dem Gott. Ist es nicht ein bisschen kontraproduktiv eine gedankliche Rangliste zu erstellen, die mir sagt, worüber ich mir Gedanken machen sollte und worüber lieber nicht? Dieses Problem wird beispielsweise bei den Begriffen " Verifikation" und "Falsifikation" deutlich. Ein Wissenschaftler sollte sich bei Benutzung des Wortes "Wahrheit" etwas zurückhalten; was viele Wissenschaftler ja bereits machen! Guter Anfang, denn eine verifizierte Theorie wäre problemlos und keinen weiteren Überlegungen wert. Aber das gleiche sollte auch mit der Falsifikation sein. Eine Theorie darf niemals widerlegt werden können; denn eine widerlegte Theorie schreckt den Wissenschaftler davon ab, sie wieder zu beleben, sodass er lieber auf belegte bzw. bessere Theorien gedanklich zurückgreift. Wenn ich mir zum Beispiel Gedanken über den Aufbau des Atoms mache, dann stelle ich mir das Atom nicht mehr so vor, als wär das ein kleines Planetsystemchen. Aber warum nicht? Na, weil das Atom andere Gesetzmäßigkeiten aufweist als unser makroskopisches Sonnensystem. Gequantelte Energien und Welleneigenschaften rauben mir den Mut das Atom als eine Art Sonnensystem vorzustellen. Meine Kreativität sitzt dann hauptsächlich am Orbitalmodell oder an neuen Dingen, die ich durch Assoziation mit dem Orbitalmodell verknüpfe. Ich versuche also einen Weg einzuschlagen, der in Richtung des Orbitalmodells geht; und meine Motivation, zum rutherfordschen Atommodell zurückzukehren und zu versuchen die errichtete Mauer der Widerlegungen zu durchbrechen, bleibt weg. Also bewege ich mich lieber gedanklich bei der aktuellsten Forschung und trage zu Reformen der wissenschaftlichen Erkenntnisse bei oder - stecke sogar fest und komme nicht weiter. Die Revolutionen fehlen; weil wir gedanklich nicht an der Wurzel, sondern an den dünnen Ästen des Baums angreifen, während ich in der Vorlesung sitze und merke, dass der Weg zur Wurzel durch eine ungünstige Wortwahl erschwert wird.

Eine Theorie, ein Satz, ein Axiom, ein Modell usw. müssen belegt oder nicht belegt; aber nicht widerlegt werden können. Der Photoeffekt widerlegt nicht das klassische Wellenmodell, sondern er belegt es nicht. Wobei die neuen Forschungsergebnisse zeigen, dass das Wellenbild unter richtigen Bedingungen funktioniert. Es macht schon einen großen Unterschied aus, ob ich einem unwissenden Studenten sage: "Der Photoeffekt widerlegt die klassische Wellentheorie" oder "Der Photoeffekt belegt nicht die klassische Wellentheorie". Der Student sollte sich dann seines eigenen Kopfes bedienen und das Wort der "Nicht-Belegung" mit der "Widerlegung" selber ersetzen; falls es das machen möchte. Dem Studenten bleibt diese Möglichkeit offen. Er selbst und nicht die Wissenschaft soll darüber entscheiden, welchen Weg er einschlägt.

Die Wissenschaft braucht kein Konzept der Falsifikation und Verifikation. Sie braucht keine Widerlegungen und Beweise. Es sollte nicht ihre Aufgabe sein, zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Nicht entscheiden, sondern entscheiden lassen. Ich als Student sollte in der Mathematik-Vorlesung nicht den Eindruck bekommen, die Beweise seien konsistent und ausreichend genug. Der Zweifel, die Skepsis sollten durch eine günstige Wortwahl bei jedem an der Wissenschaft interessierten Homo sapiens erweckt werden. Lasst uns nicht Jahrzehnte darauf warten, bis die wissenschaftliche Wortwahl beim Lehren und Forschen reformiert wird! Lasst uns sie jetzt sofort verändern, indem wir unsere Superposition des Denkvermögens nicht durch andere Homo sapiens endgültig zerstören lassen. Macht eure Lehrer, Professoren und wissenschaftliche Kollegen darauf aufmerksam; macht ihnen klar, welche psychologische Auswirkung ihre Wortwahl auf ihre Schüler, Studenten und Kollegen hat. Lasst uns das Konzept der Wissenschaft verbessern. Jetzt.

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