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Alexander Fufaev

Seite 16: Die Künstlerin

Während alle Insassen im Zug um mich herum auf ihre Handys starrten, saß sie da am Fenster und zeichnete in ihrem Heftchen. Und ich, daneben sitzend, schaute ihr beim Zeichnen zu. Vertieft blickend auf das entstehende Bild sagte ich, wie wundervoll sie zeichnen könne. Wohl gleichzeitig wendeten wir unsere Augen vom Bilde ab und sahen uns zum ersten Mal an. "Kunst, und du?" "Physik!"

Kurz vor dem Aussteigen, riss sie ein Blatt aus ihrem Heftchen heraus und schrieb dort ihren Namen und ihre E-Mail Adresse auf. Dieses bewahre ich zwischen den Blattseiten eines alten Buches von Dale Carnegie auf, welches mir mein Vater bei unserer letzten Begegnung schenkte. So lernte ich dieses wundersame Mädchen Jana kennen.

Alexander Fufaev: Zettelchen von Jana Lange
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Zettelchen von Jana

Am Abend fuhr ich zur ihr ins Dorf nach Sehnde, wo wir einen nächtlichen Spaziergang am Kanal machten. Wir setzten uns auf eine Bank und stellten uns gegenseitig Fragen. Es war ganz schön kalt, was dazu führte, dass wir näher zusammenrückten. Und als ich wieder nach Hause musste, weil ich den letzten Zug nicht verpassen durfte (sonst wäre ich noch länger geblieben), warteten wir fest umarmt am Gleis. Dann küsste sie mich unerwartet auf die Lippen. Das war mein erster langer Kuss. Zum ersten Mal erlebte ich ein Mädchen, welches selber die Initiative ergriff.

Unsere Beziehung wuchs von Tag zu Tag. Wir haben uns unter anderem tolle Filme, wie "Interstellar" und "Die Entdeckung der Unendlichkeit" im Kino angeguckt. Wobei bei dem letzteren musste ich ein paar Tränchen vergießen, was aber gar nicht so schlimm war, denn sie legte ihren Kopf auf meine Schulter und nahm meine Hand in ihre. Das befreite mich sofort von dem unangenehmen Gefühl in ihrer Anwesenheit Emotionen zu zeigen. Damit gab sie mir ein Zeichen, dass sie das überhaupt nicht schlimm findet, wenn ich bei einem Film weine.

Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt in Hildesheim gönnten wir uns eine Calzone, die wir untereinander teilten. Einmal biss ich ab, einmal Jana. Ein junger Kerl, an dem wir vorbeigingen, machte eine Bemerkung: “Ich wünsche mir auch eine Freundin, mit der ich eine Calzone essen kann“. Jana grinste mich an, während ich ein Glücksgefühl in mir verspürte. Von dem Moment an, glaubte ich, meine Liebe nun endlich gefunden zu haben.

Beim Weihnachtsmarkt angekommen, drehten wir dort eine Runde auf einem Riesenrad. Neben uns saß eine Oma mit einem kleinen Mädchen, zu der sie sagte: "Schau mal, sie sind verliebt.". Nach dem Weihnachtsmarkt waren wir bei mir und sie las mir ein Stück aus ihrem englischen Lieblingsroman vor. Das tat sie öfters, denn sie las gerne und vor allem sehr viele Bücher. Und, was ihre Zeichenkünste anbelangt – sie waren unübertreffbar! Kein Wunder, dass sie im künstlerischen Bereich studieren wollte.

Zu Weihnachten schenkte sie mir eine selbst-gehäkelte Mütze, die sie immer dann häkelte, wenn sie bei mir war; zum Beispiel während wir meinen Lieblingsfilm "A beautiful mind" schauten. Als die Mütze zum Weihnachtstag fertig war, setzte sie mir auf und sagte liebevoll: "Damit Deine Öhrchen immer warm bleiben!". Soviel Liebe von einem Mädchen, hatte ich noch nie bekommen. Ich war einfach nur überwältigt!

15. Januar 2015
Einst fragte ich sie, ob meine Hoffnung auf das weitere Gedeihen unserer Seelenverbundenheit berechtigt sei? Sie war verzweifelt und konnte sich nach so kurzer Zeit wahrscheinlich nicht entscheiden; das war mir bewusst - und trotzdem verlangte ich ungeduldig eine klare Antwort: Ja oder Nein. Sie antwortete mit Nein; doch dieser Blick, als sie das Nein aussprach, den habe ich immer noch in Erinnerung - als hätte sie mir voller Trauer sagen wollen: warum hast Du mich das bloß gefragt, Du Blödmann...

22. Januar 2015
Nach dem ich aus dem Zug ausgestiegen bin und die Treppe hinunterging; hatte ich keine Hoffnung mehr, ihr auf dem Weg zur Uni zu begegnen. Früher wartete sie auf mich, am Ende der Treppe, begrüßte mich mit einer festen Umarmung, einem liebevollen Kuss; und wir machten uns gemeinsam auf den Weg in den Alltag - ich zur Uni, sie zu einer Bibliothek, wo sie einige Zeit gearbeitet hatte. Doch heute - am 22. Januar - war es nicht so, wie in den letzten Wochen auch. Aber ich sah sie vor mir gehen. Für eine kurze Zeit überlegte ich mir, ob das Ansprechen sinnvoll wäre, denn ich wollte nicht unsere Beziehung zu einander verschlimmern. Nichtdestotrotz war es sehr verlockend und ich entschied mich sie einzuholen und anzusprechen:
"Jana, wie gehts?"
"Ach, nicht so gut...", antwortete sie mir.

Wir gingen ein paar Schritte, bis sie sagte: "Tut mir Leid, dass ich heute nicht so gesprächig bin..."
"Es ist nicht schlimm, Jana! Du musst nicht mit mir gezwungen reden; sag, wenn Du etwas zu sagen hast!" - entgegnete ich ihr.

Ich folgte ihr zur Haltestelle, wo wir ein Weilchen auf die S-Bahn warteten. Kein Wort sprachen wir zu einander; bis ich die erste Äußerung machte; die ich später sehr bereuen werde. "Deine Bücher, die Du mir zum Lesen gegeben hast, liegen noch bei mir. Die müsstest du noch abholen. Nicht, weil ich sie nicht lesen möchte, nein. Sie liegen einfach nur im Regal und erinnern mich jedes Mal an dich, wenn ich ins Zimmer reinkomme...". Als die S-Bahn kam, wollte ich sie umarmen, doch sie hielt mich davon ab, fast weinend sagte sie: "Ich hasse Menschen" und rannte weg... Es tat mir sehr weh im Herzen... völlig leer und nach unten schauend machte ich mich auf den Weg zur Vorlesung. In der Pause saß ich in der Bibliothek voller Verzweiflung denkend an Jana. "Ich...ich will doch ihr zur Seite stehen, ihr helfen. Ich will sie in allen Angelegenheiten unterstützen, ihr meine Barmherzigkeit, meine Liebe schenken..." Anscheinend machte ich das Gegenteil...

Im Zug, auf dem Weg nach Hause, schrieb ich ihr eine E-Mail, in der ich sie fragte, was ihr auf dem Herzen liege; die Antwort bekam ich bis zum jetzigen Zeitpunkt nie zu Gesicht.

24. Januar 2015
Draußen schneit es. Nach einem kurzen gesprächigen Spaziergang mit meiner Mama; als sie dann weg zur Arbeit musste setzte ich mich vor das Fenster und genoss die Ruhe, die schneebedeckten Felder und die fallenden Flöckchen... Ich machte mir so viele Sorgen um Jana; was sie wohl gerade macht... Ich griff zum Handy in der Hoffnung sie zu erreichen. Mail-box ging an. Da konnte ich stundenlang versuchen, es hätte nichts gebracht. Also rief ich ihren alleinerziehenden Vater an, bei dem sie wohnte: "Hallo, ich wollte nur kurz fragen, wie es Jana geht?"
"Ihr geht es ganz gut", entgegnete er mir.

Sie war zu Hause und beschäftigte sich mit den Bewerbungen für die Universitäten. Als ich das Telefon auflegte, kam der Gedanke auf: "Gott, bitte mach sie glücklich, befreie sie von der Last..." Dabei sagte doch der Vater, dass ihr gut geht... ich war doch derjenige, der am Boden zerstört war und verzweifelt versuchte, den Kontakt mit Jana aufrechtzuerhalten.

13. Februar 2015
Heute bewertet das Horoskop von Erika Berger den heutigen Tag, bezogen auf Liebe & Partnerschaft mit 5/5 Herzen, sowohl bei mir als auch bei Jana; da wusste ich sofort, dass ich ihr heute begegnen werde, denn an jenen Tagen, wo sie nicht in meiner physischen Gegenwart war, sagte das Horoskop nur 1,2 oder 3 Herzen voraus. Ich begegnete ihr tatsächlich an dem Tag, wovon ich aber eh fest überzeugt war. Und da fragte ich mich schon wieder, ob meine feste Überzeugung oder die Existenz des Schicksals meinen Wunsch erfüllen ließ?! Oder sind etwa die Vorhersagen des Horoskops und meine Interpretationen dazu, reine Zufälle? Für Jana, waren es reine Zufälle. Das sagte sie mir nochmals bei unserer Begegnung, als ich ihr davon erzählt hatte. Sie war wie immer so rational. Doch trotz ihrer äußeren, puren Rationalität, ist sie in Wirklichkeit ein sehr emotionaler, barmherziger Mensch. Vielleicht wär ich genauso wie sie, wenn ich bei der Scheidung meiner Eltern mich für Dima und nicht für die Mutter entschieden hätte.

Ich stieg in den Zug ein und setze mich auf einen der Vierersitze und rate mal, wen ich gegenüber mir sitzend sah? Jana! Sie las wie üblich ein Buch. Das mochte ich so unglaublich an ihr, weil man selten Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln begegnet, die am Buch und nicht am Handy sitzen. Davon könnte ich von ihr eine Scheibe abschneiden. Drei Romane, die sie mir einst zum Lesen gegeben hatte, unter denen das "Foucaultsche Pendel" war, verweilen immer noch in einem der Regale. Ich traue mich nicht sie anzufassen. Es war unbeschreiblich schön ihr beim Lesen zu zusehen. Da erinnerte ich mich an diejenigen Tagen, wo wir gemeinsam eingekuschelt im Bett lagen und sie mir ein Stückchen aus ihrem Buch vorlas. Hätte ich nur gewusst, dass es am nächsten Tag zu Ende sein wird, wär ich auf die Knien gefallen und sie gebeten mich nicht gehen zu lassen. Manch ein Beobachter würde das als Erniedrigung oder Schwäche ansehen; ich sehe das als pathetische Liebe an; so wie in der Geschichte von Romeo und Juliet, nur einseitig...

Sie musste bald aussteigen, obwohl ich erstmal dachte, dass sie sitzen bleibt und mit zu mir weiter fährt. Falsch gedacht... Zu Hause angekommen, schrieb ich ihr einen Brief:


Kurz vor dem Aussteigen, risst du ein Blättchen aus deinem Heft heraus, welches ich zwischen den Seiten eines Buches aufbewahre. Das war der 20. November 2014, an einem Donnerstag, gegen 17 Uhr - da hast du dich von deiner außergewöhnlichen Seite gezeigt und mich dazu bewogen, dich anzusprechen. Diesen Tag werde ich niemals vergessen...

Ich kann nicht sicher wissen, dass Gott wirklich das Beste für mich will; ich weiß nicht, ob er barmherziger oder sadistischer Natur ist. Ich weiß auch nicht, ob du meine Bestimmung bist - aber etwas hält immer noch meinen Glauben und meine Hoffnung am Leben - trotz gefallener Würfel deinerseits. Auch, wenn es manchmal hoffnungslos aussieht und in manchen Momenten sehr herzzerreißend für mich ist, ist es sicher kein Grund dich aufzugeben. Es ist vielleicht nicht einfach äußerlich an mir zu erkennen, dass du mir unheimlich viel bedeutest, aber im geistigen Inneren entfaltet sich unendliche Sehnsucht nach dir; und sobald du in meiner Gegenwart bist, verspüre ich so viel Freude und Vollkommenheit meines Geistes; was kaum in Worte zu fassen ist... Unsere Geister sind miteinander verflochten, Jana; wohl deshalb kämpft meine Hoffnung weiter.

Die Zukunft ist ungewiss, weshalb ich nicht genau sagen kann, ob wir ein gemeinsames Schicksal haben werden. Deshalb dieser kurze Brief an dich - am Valentinstag - damit du, so wie ich, etwas Handfestes für die Erinnerung hast.

p.s. Ich will, dass wir zusammen sind, solange wie es geht.


Am nächsten Tag, am Valentinstag, fuhr ich zu ihr nach Hause, mit einem Blumenstrauß und dem Brief in der Hand.

Alexander Fufaev: Geschenk für Jana
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Blumen und der Brief für Jana

Ihr Vater machte die Haustür auf. Nach meiner Bitte rief er Jana. Als sie an der Tür ankam, sagte ich zu ihr:
"Jana, lass uns doch wenigstens gut miteinander umgehen, ich möchte Dich nicht aus meinem Leben streichen, weil Du mir viel bedeutest. Lass uns doch bitte wenigstens wie zwei vernünftige Menschen miteinander umgehen. Ich habe Dir nichts Böses getan, Du mir auch nicht. Ich verstehe Deine plötzliche Abneigung nicht."

Als ich dann in ihre Augen blickte, sah ich unterdrückte Tränen, die durch ihr kaltes Verhalten eingefroren waren. Sie zerriss meinen Brief vor meinen Augen. Es war sehr herzzerreißend, derartige Reaktion von einem Menschen zu erfahren, den man vom ganzen Herzen liebt. An diesem Tag ist es mir bewusst geworden, dass all meine Bemühungen und Versuche, sie in meinem Leben zu behalten, zwecklos waren. Sie war ein Mädchen, welches sich durch Worte und Gefühle nicht überzeugen ließ.
"Nein, geh jetzt" - antwortete sie weinend. Ich drehte mich um und ging fort. Für immer.

Alles, was von der schönen Zeit mit Jana übrig geblieben war, ist ein Blättchen mit ihrem Namen, welches sie mir bei unserer ersten Begegnung in die Hand gedrückt hatte und eine selbst-gehäkelte Mütze, ein Weihnachtsgeschenk, das mir in den kalten Wintertagen Wärme schenkt...

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Geschichte über Jana im Videoformat
Der Liebeskummer tut weh. Es fühlt sich überhaupt nicht gut, von einer Person verletzt zu werden, die man vom ganzen Herzen liebt. So schwer es klingen mag, man muss fest daran glauben, dass dies alles nur passiert ist, weil es passieren musste! Es war bis jetzt immer so, dass ich anfangs sehr enttäuscht über die Geschehnisse war, doch nach einer gewissen Zeit war ich immer froh darüber. Man begreift den Grund für das ganze Geschehen erst in der Zukunft. Trotzdem sollte man für solch schwere Phasen immer entweder Familie oder Freunde haben, die einen in den Arm nehmen können, damit man nicht weiter in die Depression fällt. Mein aufdringliches Verhalten der Jana gegenüber führte zum Bruch der Beziehung und meine ständige Verlustangst war der größte Demotivator im Alltag. Zwei Sachen habe ich daraus gelernt: Geduldig sein, hilft einer zwischenmenschlichen Beziehung besser zu gedeihen und mehr Kontakt zu anderen Menschen und nicht nur zu Jana, hätten mir das Leben deutlich erleichtert. Hätte ich gute Freunde, die mich an ihrer Schulter ausweinen ließen, ohne mich dabei auszulachen („weil ein Mann niemals weint“), wäre es einfacher für mich, Jana loszulassen und nicht in eine Depression zu verfallen.
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