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Alexander Fufaev

Seite 10: Erste Zeit in Deutschland

Nach einer kleinen Eingewöhnungsphase musste ich nun in die Schule. Da ich kein Deutsch konnte, wurde ich in einer Sprachförderklasse angemeldet, die von der Geschwister-Scholl-Schule in Hildesheim angeboten wurde.

Am ersten Schultag fuhr ich zusammen mit Mama mit dem Bus nach Hildesheim und von da anschließend ebenfalls mit einem Bus zur Schule, um mich an den Schulweg zu gewöhnen. In der Schule wurde ich von meiner Klassenlehrerin Frau Schlömer der Klasse vorgestellt und dann ging es direkt mit dem Deutschlernen los: Kurze Sätze vorlesen und diktierte Wörter aufschreiben. Während der Schulpause lernte ich die Russen Max und Maxim kennen. Aber auch meine Klassenkameraden David und seine Schwester Sabrina aus Polen. Kerim und seine zwei Schwestern aus der Türkei, sowie Svetlana und Tanja ebenfalls aus Russland.

Klassenfoto der Förderklasse: Alexander Fufaev, Максим Малых, Макс Чернов, Svetlana Lais (Bormann), Tatjana Lais (Gross)
Meine Förderklasse an der Geschwister-Scholl-Schule mit meinem zweiten Klassenlehrer - Herr Menz. Ich bin im blauen Sportanzug. Max und Maxim sind neben mir in weißen Pullovern. (2005, Hildesheim)
Alexander Fufaev: Zeugnis 2004/2005
Mein erstes Zeugnis aus der Förderklasse. Geschwister-Scholl-Schule Hildesheim (2004/2005)
Alexander Fufaev: Zeugnis Förderklasse 2005/2006
Zeugnis von Alexander Fufaev aus der Förderklasse. Geschwister-Scholl-Schule Hildesheim (2005/2006)

Nach dem Schulschluss folgte ich einfach den anderen Schülern, die mich glücklicherweise zur richtigen Haltestelle führten. Von der Haltestelle fuhr ich den gleichen Weg zurück zum Hildesheimer Hauptbahnhof, wo so viele Schüler auf die Busse warteten, dass ich zuerst die Schwierigkeit hatte den richtigen Bus nach Hause zu finden. Mit russischem Akzent fragte ich mithilfe meines auswendig gelernten Satzes einen Busfahrer nach dem Weg, der mir half die richtige Haltestelle zu finden. Nach einer halbstündigen Fahrt kam ich endlich mit ein paar Stunden Verspätung zu Hause an. Es war ein sehr anstrengender stressiger erster Schultag in Deutschland.

Nicht nur der erste Schultag war anstrengend, sondern auch die Regeln von Joachim. Ich musste beispielsweise schon um 22 Uhr ins Bett gehen, mich im Auto anschnallen und am Essenstisch stets warten, bis alle mit dem Essen fertig waren. Etwas ungewöhnlich war es für mich abends Brot und nicht wie ich es sonst aus Russland gewohnt war – warme Speisen wie zum Mittag zu essen. Es kam noch dazu, dass Käse und Wurst, was ich mir aufs Brot tat, komplett anders als in Russland schmeckten. Schön war es wenigstens, wenn wir nach dem Abendbrot im Wohnzimmer zusammen einen Film (meistens auf ProSieben) schauten. Am Wochenende, wo ich länger aufbleiben durfte, schlief Joachim während eines Films irgendwann aufm Sofa ein und fing an zu schnarchen, sodass man den Film nicht weiter gucken konnte.

Manchmal waren Mama, Joachim und Dascha weg und ich musste auf die kleine Laura, die allerhöchstens krabbeln konnte, aufpassen. Einst als Mama oder Joachim kurz nicht aufgepasst hatten, fiel Laura einmal die Treppe herunter, weshalb Joachim eine Tür oben an der Treppe gebaut hatte. Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas ähnliches passieren würde, weil ich beim Aufpassen auf Laura ununterbrochen mit ihr spielte - ohne jemals die Augen von ihr zu lassen. Wenn sie die Windel vollmachte, trug ich sie vorsichtig nach unten ins Badezimmer, um dort die Windel zu wechseln. Ich legte sie auf den Klodeckel, zog die alte Windel aus und als ich mich nach der neuen Windel umschaute, stellte ich fest, dass sie außer meiner Handreichweite war. Laura lag still auf dem Klodeckel, sodass ich davon überzeugt war, dass nichts passieren würde, wenn ich sie nur für eine Sekunde loslasse, um schnell die Windelpackung zu schnappen. Als ich die Windelpackung in der Hand hielt, hörte ich plötzlich ein lautes Heulen. Laura ist von dem Klodeckel runtergefallen. Mir fiel die Packung auf den Boden und ich verspürte in dem Moment eine der größten Ängste meines Lebens, da mir der Gedanke aufkam, dass sie ihre Knochen gebrochen haben könnte. Ich hob sie vorsichtig wieder auf den Klodeckel und fing an ebenfalls mit ihr zu weinen, während ich sie gut festhielt. Nach einer Weile, als sie aufhörte zu weinen, konnte ich mich auch beruhigen. Am nächsten Tag hatte sie große blaue Flecken auf den Beinen, sodass sich Mama wunderte, woher sie kamen, denn von dem Vorfall habe ich ihr erst viele Jahre danach erzählt.

Irgendwann gewöhnte ich mich an die Schule, an die Joachims Regeln und an Deutschland. Klar, es gab von Zeit zur Zeit Stress in den Pausen mit den Schülern anderer Nationalitäten - sogar manchmal auch innerhalb der eigenen Klasse. Aber ich war bezüglich Mobbing schon abgehärtet und im Vergleich mit der Schule beim Petrovksy Boulevard, war das nicht mal ansatzweise verletzend. In der Pause saß ich irgendwo zusammen mit Max und Maxim und aß ein Käsebrötchen für 50 Cent, welches ich mir von meinem Taschengeld kaufte. (Dieses besserte ich manchmal auf, indem ich aus einer großen Vase voller Kleingeld, die im Schlafzimmer der Eltern stand, ein paar Münzen entwendete.) Dann kamen ein paar andere Russen an unserer Sitzbank vorbei und schüttelten uns die Hände, obwohl ich sie gar nicht kannte. Max und Maxim stellten mich denen vor. So wie es aussah, waren sie schon in der fortgeschrittenen Sprachförderklasse. Unter diesen Russen war auch Alexey, der später zu meinem besten Freund in Deutschland wurde.

Seit dem ich Max, Maxim, Alexey und anderen Russen Gothic ausgeliehen hatte, war von nun an dieses Spiel das Gesprächsthema in den Schulpausen. "Ich war im Wald und da waren Orcs!" – sagte Alexey vor unserer Bank stehend zu uns auf Russisch. Gothic war auf Deutsch und es war reich an Dialogen und Texten, die wir natürlich erst verstehen mussten, um weiter zu kommen. Dadurch verbesserten sich unsere Deutschkenntnisse, jedoch nicht schnell genug für meine Lehrer, wie aus meinem von ihnen verfassten Leistungsstand ersichtlich ist:

„[…] Er kam mit geringen Deutschkenntnissen in die Klasse. Er verständigt sich mit den Mitschülern auf Russisch. Bisher hat er wenig erkennbare Fortschritte gemacht. Er erledigt die ihm gestellten Arbeitsaufgaben zwar konzentriert, aber nur mit äußerst geringem Lerntempo. Alexander kann Texte fast flüssig lesen und zum Teil verstehen.

Er schreibt Texte fast fehlerfrei ab und geübte Diktate mit relativ wenig Fehlern. Er hat noch immer Probleme mit der lateinischen Schrift, speziell mit der Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben.

Alexander erfasst grammatische Zusammenhänge selbstständig und kann sie, wenn er sich bemüht, anwenden. Es fällt Alexander immer noch nicht leicht, sich in das deutsche Schulsystem einzufügen. Er kommt häufig zu spät und fertigt Hausaufgaben nicht regelmäßig an.

Wir übernahmen scherzhaft die Dialoge aus Gothic. Einmal schrie ich zu Max bevor ich in den Bus einstieg: "Na warte, Du Lump!" und kicherte vor mich hin. Oder sagte der Verkäuferin in der Cafeteria: "Zeig mir Deine Ware". Aber nein: Ich kaufte mir keine Drogen, sondern nur ein fettiges Käsebrötchen.

Alexander Fufaev: Alter Computer
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Ich, an meinem ersten eigenen Computer (~ 2005-2006, Lühnde)

Nach dem wir das Spiel durchgespielt hatten, waren wir von der Story und den ganzen Abenteuern so überwältigt, dass wir uns sofort nach einer Fortsetzung erkundigten. Es gab tatsächlich den zweiten Gothic-Teil. Jeder von uns kaufte sich das Spiel. Leider war mein noch mit Röhrenbildschirm ausgestatteter Computer zu lahm für Gothic II. Naja, schließlich war das ein alter Kasten von Joachim, den er nicht mehr brauchte. Ich war auf andere etwas neidisch, weil sie deshalb viel weiter im Spiel waren. Doch irgendwann kaufte mir Mama einen guten PC, den ich mir im Media Markt selber aussuchen durfte. Er hatte sogar einen Flachbildschirm!

Alexander Fufaev: Neuer Computer
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Ich, an meinem neuen Computer. Spiele "Arcanum" mit Dascha. (~ 2006-2007, Lühnde)

Mit dem neuen Rechner traute ich mich, meine Russenfreunde zu mir nach Hause einzuladen, wo wir vier LAN-Partys veranstalteten. Wir spielten sowohl Ballerspiele wie Counter-Strike als auch Strategiespiele wie Age of Empires. Wenn jemand von uns Geburtstag hatte, wurden ich immer eingeladen; auch, wenn ich - wegen des üblichen Besaufens - nicht immer mit dabei sein wollte. So wie an einem Geburtstag von Maxim, wo ich zum allerersten Mal wegen des zu vielen Alkohols mich übergeben musste; und das auch noch in einer Bar – direkt auf ein Sofa. Nichtsdestotrotz sind wir vier echt gute Freunde geworden, auch, wenn unsere Freundschaft mit gegenseitigen - insbesondere sexuell angehauchten - Beleidigungen und Sprüchen behaftet war.

Alexander Fufaev: mit Max, Maxim, Alexey
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Ich, Maxim, Max und Alexey in unserem Garten (2005, Lühnde)

Zusammen mit Max und Maxim überstand ich das erste Halbjahr der fortgeschrittenen Förderklasse. Im zweiten Halbjahr wurde ich aber ohne meine Freunde - mit der Empfehlung meiner Lehrerin - in die 8. Hauptschulklasse geschickt, um dort die erworbenen Deutschkenntnisse unter Beweis zu stellen. Mein bisheriger Leistungsstand wurde wie folgt von meinen Lehrern kommentiert

"„[…] Obwohl er inzwischen so viele Vokabeln und Redewendungen gelernt hat, dass er sich mit seinen Mitschülern problemlos auf Deutsch unterhalten könnte, benutzt er überwiegend die russische Sprache. Er ist oft unkonzentriert und abgelenkt. Alexander sollte sich aktiver am Unterricht beteiligen.

Alexander kann unbekannte Texte flüssig lesen, ihren Sinn weitgehend erfassen und mit eigenen Worten wiedergeben. Er schreibt Texte fehlerfrei ab und macht in geübten Diktaten relativ wenige Fehler. An seinem Schriftbild muss er noch arbeiten. Grammatikalische Zusammenhänge erfasst er selbstständig und kann sie anwenden. Wie im Deutschunterricht sollte er auch in Mathematik aktiver und seinen Fähigkeiten entsprechend mitarbeiten. […]"

Das zweite Halbjahr in einer richtigen deutschen Klasse war nicht so erfolgreich, weil ich die Lehrer sprachlich noch nicht komplett verstand und die im Leistungsbericht niedergeschriebene Kritik meiner Lehrer nahm ich auch nicht so ernst. Außerdem machten Computerspiele viel mehr Spaß als Schule.

Alexander Fufaev: Zeugnis 8d 2005/2006
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Mein Zeugnis in der Probeklasse in der Geschwister-Scholl-Schule (2005/2006, Hildesheim)

Bevor ich zu einem krassen Zocker wurde, spielte ich mit dem Nachbarskind Jan und seinen Freunden manchmal Fußball. Das Gute beim Fußball war, dass wir nicht miteinander reden mussten. Es war nämlich schwierig für mich alles zu verstehen, was die Jungs sagten. Beim Grillen wurden wir manchmal zu den Nachbarn eingeladen, wo ich dann gar nichts mehr verstand, was die Erwachsenen redeten. Beim Grillen war auch die ältere Schwester von Jan, Lisa, mit dabei, die ich ganz hübsch fand. Wir hatten miteinander rein gar nichts zu tun, vor allem, weil ich immer schnell wegschaute, sobald sie ihren Blick in meine Richtung warf. Ich fand es nicht einfach, meinem Schwarm in die Augen zu schauen. Einmal hörte ich von meinem Zimmer aus, dass jemand direkt vor meinem Fenster mit einem Ball spielte. Also schaute ich kurz durch das Rollo meines Fensters und sah dort Lisa, wie sie mit ihrem Bruder Basketball spielte. Ich starrte sie die ganze Zeit an, obwohl sie direkt an meinem Fenster mit dem Basketball dribbelte. Plötzlich drehte sie ihre Augen zu meinem Fenster und erwischte mich. Ich fand es so extrem peinlich, dass ich seit dem Moment immer versuchte, den beiden aus dem Weg zu gehen.

Aufgrund meiner schlechten Deutschkenntnisse, insbesondere wegen der Unfähigkeit mit anderen richtig zu kommunizieren, isolierte ich mich von der Außenwelt, indem ich in die Welt der Computerspiele flüchtete. Diese Zeitphase der Isolation veränderte mich komplett!

Grillen in Lühnde: Alexander Fufaev, Joachim , Oxana , Laura , Daria Fufaeva
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Grillen im Garten (2007, Lühnde)
Eine etwas andere Kultur und eine fremde Sprache, die ich nicht so gut beherrschte, waren DER Grund für die Abschottung vor der Außenwelt. Ich glaube, wenn ich statt Max, Maxim und Alexey, falsche Freunde kennengelernt hätte und nicht so einen guten Stiefvater gehabt hätte, dann wäre vielleicht aus mir kein Computernerd geworden, sondern möglicherweise ein Krimineller! So geht es bestimmt vielen Ausländern, die in einem fremden Land ohne jegliche Sprachkenntnisse ankommen. So waren zumindest viele ausländische Mitschüler in meiner Schule. Manch einer war aggressiv, ein anderer war voller Hass bezüglich eines dicken Deutschen mit der Brille, der nicht an Gott glaubt, die ganzen Draufgänger und wir, die kulturellen Außenseiter. Jeder war das Ergebnis seines sozialen Milieus. Deshalb ist es wichtig, dass neugekommene junge Ausländer sich mit „gutartigen“ Menschen sozialisieren, sonst werden sie später zu einem großen Problem für jeden von uns. Ein Nerd zu werden, ist immer noch besser als ein Schläger, Dieb oder gar ein Mörder, stimmt 's?
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